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UNSICHTBARE TODESFALLEN



(Auszug aus Ernst Tanners Buch «Dem Tod entronnen – immer wieder»)


Helikopter sind sehr sichere Fluggeräte. Ich kann das aus vielen Erfahrungen bestätigen. Bei schlechtem Wetter kann ich «absitzen» und warten, bis das Gewitter vorüber ist oder mich nach meiner Position erkundigen, wenn ich nicht mehr weiss, wo ich bin. Wird der Treibstoff knapp, kann ich – ohne ein grosses Flugfeld zu benötigen – eine Notlandung machen. Das alles ist beim gewöhnlichen Flächenflugzeug nicht möglich.


Erfahrene Helikopterpiloten bestätigen, dass ihnen Hochspannungsleitungen, unmarkierte Kabel von Bergbahnen sowie dicke oder auch feine Drähte in der Luft, die am meisten gefürchteten Todesfallen darstellen.


Mehrere Male begegnete ich diesen dünnen, listigen Hindernissen in Afrika, und nur Dank meiner allgegenwärtigen Schutzengel blieben meine Passagiere und ich vor dem sicheren Tod bewahrt. Einmal flog ich eine schwangere Frau zur ärztlichen Kontrolle vom kamerunischen Bamenda zum Mbingo Spital. Der Flug war für mich Routine, denn ich landete oft mit Patienten dort. Das Spital liegt auf einer Ebene mit einer kleinen Sportwiese, die wir jeweils als Landeplatz benutzten.


Abends um fünf Uhr startete ich dort mit Passagieren zum halbstündigen Rückflug nach Bamenda. Kaum hatte ich etwas an Höhe gewonnen, erst knappe zehn Meter über Boden, erschreckte mich ein ungeheurer Knall. Scheibensplitter flogen durch die Kabine. Der Helikopter brach nach links aus. Gleich darauf krachte es wieder, und der Heli wurde nach rechts gerissen. Dann krachte es ein drittes Mal, und es zog mich wieder nach links. Zu Tode erschrocken fragte ich mich, ob die Maschine noch flog oder schon abstürzte. Sie flog noch. Vor mir lag eines der Spitalgebäude. Ob ich es wohl noch überfliegen konnte oder darauf abstürzte? Ich gewann weiter an Höhe und versuchte zögernd, eine Rechtskurve zu drehen. Ich zog die Kurve weiter, um wieder auf dem Platz zu landen. Vor Schrecken wagte ich kaum zu atmen. Weil ich nicht wusste, was die drei (Donner-)Schläge und die Glassplitter verursacht hatte, befürchtete ich, dass irgendetwas doch noch ausser Kontrolle geraten könnte. Es dauerte lange Sekunden, bis ich wieder in Bodennähe kam. «Kann ich wohl noch schweben und landen?», fragte ich mich. Vorsichtig, behutsam setzte ich schliesslich auf.

Im Helikopter war es mucksmäuschenstill. Dann sagte der Passagier neben mir, er sei im Gesicht von einigen Glassplittern getroffen worden. Was war bloss geschehen? Bei einer sorgfältigen Untersuchung entdeckte ich ein acht Millimeter dickes Stück Kupferdraht, das sich um die linke Kufe des Landegestells geschlungen hatte, und eine zerbrochene Bodenscheibe. Etwas weiter vorn auf der Wiese lag ein langer, ebenfalls acht Millimeter dicker Kupferdraht.


Das Krankenhauspersonal kam herausgerannt, um zu sehen, weshalb wir wieder gelandet waren. Mit seiner Hilfe wurde das Rätsel gelöst. Ich vernahm jetzt, dass der leitende Arzt im Urlaub war und dass sein Stellvertreter, der im Nebengebäude Strom brauchte, zwei Drähte quer über das Feld gespannt hatte, ohne zu wissen, dass dieses als Landeplatz diente. Im Abendlicht hatte ich die braungrün korrodierten Drähte vor dem Hintergrund des Berges unmöglich sehen können. Obschon eben erst gestartet, flog ich doch schon hoch genug, dass die Drähte nicht über die Frontscheibe in die Steuerung hinaufgleiten konnten, sondern den Heli direkt unterhalb der Nase trafen. Wären die Drähte in die Steuerung geraten, hätte das den sicheren Absturz bedeutet.




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