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Vom Sandsturm erfasst

  • vor 6 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit


Auszug aus Ernst Tanners Buch «Dem Tod entronnen – immer wieder»


Der Überflug mit dem Helikopter von der Schweiz nach Tansania im Jahr 1989 hat eine besondere Bedeutung für mich. Mein jüngster Sohn hatte die Helikopterschulung in den USA gemacht und begleitete mich als Juniorpilot. Dabei hatte ich Gelegenheit, ihn an vielen wertvollen Erfahrungen der Helifliegerei teilhaben zu lassen. Diese Gelegenheit bot sich uns allerdings weit mehr, als uns lieb war. Der Flug über Italien, Korfu, Kreta, Alexandria, Kairo, Luxor und Assuan entlang des Nils verlief problemlos und beeindruckte uns beide. Mein Sohn erwies sich als ausgezeichneter Pilot und meisterte jede Aufgabe. Er war mir eine grosse Hilfe und Entlastung. Bis dahin hatte das Wetter freundlich mitgespielt.


Während des Fluges über die endlose sudanesische Wüste erhob sich von Westen her ein starker Seitenwind, der eine orangefarbene Wolkenwand erschreckend rasch auf uns zuwälzte.


Ich übernahm das Steuer und verliess sturzflugartig unsere Höhe, um im ankommenden Sandnebel den Bodenkontakt nicht zu verlieren. Bald hatte uns der Sandsturm eingeholt, obwohl ich nach Osten ausgewichen war. Krampfhaft überlegten wir, was zu tun sei. Ein Sandsturm war nicht nur für Menschen eine Katastrophe, sondern auch für unsere arme Maschine. Der feine Sand setzt sich in jeder Ritze fest, verstopft die Filter und schadet allen Teilen. «Nur nicht landen und sitzen bleiben! Nur fort aus diesem Sand!», lautete unsere Devise.


Es war schwer, die dicke, wirbelnde Sandwand vom Boden zu unterscheiden. Wir befanden uns in einem brodelnden, orangegelben Hexenkessel. Mit aufgerissenen Augen suchten wir nach dem Nil, der sich östlich von uns befinden musste.


Welch ein Aufatmen! Da lag er plötzlich zu unseren Füssen! Fast so gelb wie der Nebel um uns herum flossen die trüben, gelbbraunen Fluten dahin. Es war eine spärliche Orientierung. Ich flog nur wenige Meter über dem Wasser und hatte grosse Mühe, die kleinstmögliche Distanz zu wahren, indem ich mich an das kärglich bewachsene Ufer hielt. Der Nil wand sich in unzähligen Biegungen hin und her, verzweigte und schloss sich wieder zusammen. Um Sichtkontakt zu halten, war ich gezwungen, jede Krümmung mitzufliegen, ohne mir Abkürzungen zu erlauben. Die Sicht blieb schlecht, und der Sturmwind blies unerbittlich von rechts.


Obwohl nun das Problem der Orientierung einigermassen gelöst war, ergab sich zwangsläufig ein neues: Der Sturm hatte uns weit von unserem Kurs abgetrieben, und die vielen Windungen des Wüstenflusses, denen wir folgen mussten, frassen den Treibstoff auf. Unsere genaue Position war schwierig auszumachen. Der Fluss sah überall gleich aus, und wir sahen nur Gebüsch und Bäume entlang des Ufers. Die Sicht war noch immer sehr schlecht. Vermutlich waren auch die Scheiben mit Sandstaub beschlagen. Ich brauchte all mein fliegerisches Können, um die Rotorblätter an den Bäumen und Sträuchern vorbeizumanövrieren. Was tun? Landen und überlegen? Nein, weiterfliegen und beten! «Vater im Himmel, du weisst, wo wir uns befinden. Zeige uns den richtigen Weg!»


Wir waren vielleicht noch fünfzig Kilometer von Khartum entfernt, als der Treibstoff zu Ende ging. Schweren und bangen Herzens entschloss ich mich zur Landung. Ich hatte keine Landeerlaubnis ausserhalb eines Flugplatzes. Was würde auf uns zukommen?


Ich wählte einen offenen Platz hinter dem Ufergebüsch und setzte den Heli ohne Schwierigkeiten auf. Es war ein gutes Gefühl, wieder Boden unter den Füssen zu haben. In solchen Momenten begreife ich nicht, wie Menschen von der Fliegerei schwärmen können, wo man sich doch auf dem sicheren Boden viel besser fühlt!


In all der Zeit, während wir so tief und nah über dem Wasser geflogen waren, hatten wir keinen Funkkontakt mehr gehabt. Ich hatte also den Flugdienst über unsere Lage nicht informieren können. Deshalb war es mein dringendes Bedürfnis, so schnell wie möglich nach Khartum zu gelangen, um mich dort zu melden.


Auf einem nahegelegenen Feldweg erspähte ich ein Pickup-Fahrzeug und versuchte, den Fahrer zur Fahrt nach Khartum zu bewegen. Doch es war nichts zu machen.


Noch vor dem Eindunkeln kam eine Militärpatrouille mit mehreren Fahrzeugen vorbei, die offensichtlich über  den  tieffliegenden Helikopter informiert worden war. Wir wurden freundlich, aber gründlich verhört. Dann wurde vereinbart, dass der Offizier am Morgen mit mir zum Flughafen fliegen würde, um sich meine Angaben bestätigen zu lassen. Das Militär brachte zu unserer Überraschung zwei Liegebetten, auf denen wir ohne Wiegenlied erschöpft einschliefen.


Plötzlich wurden wir von einer brüllenden Männerstimme aus tiefem Schlaf gerissen. Scheinwerfer blendeten die verschlafenen Augen. «Was macht ihr hier?! Woher kommt ihr?!» Es war eine andere Militärpatrouille, die von alledem nichts wusste und sich ihrer beruflichen Aufgabe überbewusst war.


Es brauchte all meine Redekunst, um den Offizier von unserer Unschuld zu überzeugen. Endlich hatte ich Erfolg, und die Truppe ratterte mit ihren Fahrzeugen weiter durch die dunkle Nacht. Diesmal dauerte es länger, bis ich wieder einschlief.


Am Morgen erschien der Offizier mit einem Lastwagen und einigen Treibstoffkanistern. Wir betankten den Helikopter und starteten Richtung Khartum. Da durch den im Passagierraum befestigten Zusatztank der Copilotensitz nur für den Offizier frei war, musste ich meinen Sohn der Obhut des Militärs überlassen. Sie brachten ihn zum Flugplatz, wo er mich überall suchte. Es war für den Siebzehnjährigen, der zum ersten Mal afrikanische Luft schnupperte, äusserst aufregend, so allein und verlassen den Vater zu suchen, von dem er nicht einmal wusste, ob er gar eingesperrt werden würde. Die Soldaten halfen ihm, indem sie ihn zu verschiedenen Büros führten, von denen sie annahmen, dass ich dort verhört würde. Später gestand er mir, wie besorgt er die ganze Zeit gewesen sei. Entsprechend gross war die Freude des Wiedersehens. 


Unser Flug führte uns nach diesem aufregenden Ereignis weiter nach Äthiopien und Kenia bis nach Mwanza in Tansania.



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