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GESTRANDET IM URWALD



(Auszug aus Ernst Tanners Buch «Dem Tod entronnen – immer wieder»)


Wetterinformationen waren damals in den 1970er Jahren in Afrika fast keine zu bekommen. Einmal liess ich mir von der Meteostation in Douala, Kamerun, die Wetterkarten zeigen und notierte die Daten. Am Schluss fragte ich den Beamten, ob die Info von sechs Uhr sei: Er schaute nach und meinte mit einem afrikanischen Lächeln: «Nein, sie ist von gestern!»


Wozu auch Wetterinformationen – das Wetter kann sich sowieso schlagartig ändern. So war es auch bei einem Noteinsatz 1975 für Dr. Weithaler und sein Team von der Pockenimpfstelle der WHO (World Health Organization). Ein anderes seiner Teams im Süden Äthiopiens, nahe der kenianischen Grenze, musste dringend mit Material versorgt werden. Die Strasse dorthin war von Rebellen vermint worden. Wir starteten mit dem Helikopter bei gutem Wetter in Hawassa. Die Hügelkette östlich davon lag ganz in den Wolken. Ich war gezwungen, «on top», das heisst über die Wolken zu steigen. Das tat ich nur in dringenden Fällen, denn man hat keine Garantie, eine Öffnung zum Absinken zu finden, und durch die Wolken ohne Sicht zu fliegen, war nur mit Blindflugeinrichtung erlaubt.


Wir kletterten mit dem schwer beladenen Helikopter mühsam auf hübsche, weisse Wolkentürme. Wir stiegen höher und höher und waren immer noch nicht oben. Allmählich wurde mir bange. Wie weit waren wir schon gestiegen? Wir hatten viel Treibstoff verbraucht – und immer dieser Gegenwind! Ein Zurück war aussichtslos, zudem wurden wir dringend erwartet. Endlich lockerte sich die Wolkendecke, und ich erspähte die langersehnte Öffnung, durch die ich den Boden sehen konnte. Sofort stach ich nach unten und befand mich über dichtem Urwald. Es wurde mir klar, dass der Treibstoff nicht ausreichte. Ich musste nach einem geeigneten Landeplatz Ausschau halten.


In der Ferne glänzte ein breiter Fluss, an dessen Ufern sich der Wald etwas lichtete. Für eine Notlandung war die Wasserversorgung wichtig. Die Landung gelang mir, zwar schweren Herzens, aber ohne Probleme. Nun sassen wir fest. Durch den starken Wind waren wir zweifellos weit vom Kurs abgekommen. Es war schwierig, unsere genaue Position zu bestimmen. Hernach vernahmen wir, dass wir uns ganz in der Nähe eines Rebellengebietes befanden.


Von Zeit zu Zeit schaltete ich den Notfunk ein und hoffte, von einer überfliegenden Passagiermaschine empfangen zu werden. Dabei musste ich mit der Batterie sparsam haushalten. Wir sechs Männer (Dr. Weithaler, seine drei Mitarbeiter, mein Helfer und ich) bauten uns eine Buschhütte als Unterkunft. Etwas Verpflegung hatten wir dabei. Für solche Situationen hatte ich einen Wasserfilter an Bord. Damit konnten wir das schokoladebraune Flusswasser filtern. Wir brauchten also nicht zu verdursten. Zudem hielt ich eine kleine Jagdflinte im Helikopter versteckt. Damit erlegten wir eine Zwergantilope.


Da eine Treibstoffversorgung per Helikopter unmöglich war, machten wir uns daran, eine Landebahn zu bauen. Das war angesichts des hohen Gebüsches eine Riesenaufgabe. Ich suchte die beste Option, und wir machten uns gleich ans Werk.


Am dritten Tag nach der Landung konnte ich mit einer Maschine der Äthiopien Airlines Funkkontakt aufnehmen. Die Verbindung war sehr schlecht, wahrscheinlich wegen meiner schwachen Batterie. Der Pilot verstand wohl das Wichtigste. Er meldete dem Tower einen Absturz mit Schwerverletzten. Nach weiteren drei Tagen hörten wir das Geräusch eines kleinen Flugzeugs. Das musste unsere Rettung sein! Schnell zündeten wir das bereitstehende Rauchfeuer an, und ich schoss einige Leuchtraketen in die Luft. Das Flugzeug kam näher, und ich erkannte zu meiner grossen Freude die Maschine von Eric von Rosen, dem Sohn des berühmten Schweden Graf von Rosen. Mit ihnen hatte ich oft beim Verteilen von Hilfsgütern während der Dürre zusammengearbeitet. Eric war ein guter Freund, dem ich später bei einem Absturz bei Arba Minch das Leben rettete. Diesmal war es jedoch an ihm, uns aus einer misslichen Lage zu befreien.





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