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Die Sekunde der Entscheidung

  • 25. Juni
  • 2 Min. Lesezeit



Während dieser Einsätze im Süden Kameruns war ich wieder mit einem anderen Team im tiefen Urwald unterwegs. Dauernd spähte ich nach Stellen mit niedrigen Palmbäumen, die sich wie helle Adern durch die dunklen Wälder ziehen. Diese hellgrünen Flecken waren immer Möglichkeiten für eine Notlandung im Falle eines Triebwerkausfalls. Man konnte ja nie wissen! 


Und tatsächlich geschah es, dass beim Überfliegen der endlosen Fläche von Baumriesen verschiedener Farben und Formen plötzlich das Licht «Triebwerkausfall» aufblinkte. Normalerweise müsste gleichzeitig ein akustisches Warnsignal ertönen. Obwohl ich beim Aufblinken der Warnleuchte enorm erschrak, zögerte ich aus unerfindlichen Gründen und ganz entgegen jedem Vorsatz und jeder Erfahrung. Schon sank die Nadel der Drehzahlanzeige des Triebwerkes rapide auf null. Ich starrte die Nadel und das grelle Blinklicht an und kämpfte mit der Vernunft, die mir zuschrie, in Autorotation zu gehen. In dieser Sekunde des Zögerns hörten meine Ohren, dass das Triebwerk noch brummte. Ich zögerte eine weitere Sekunde mit angehaltenem Atem und vergewisserte mich, dass – obwohl die Lampe unaufhörlich blinkte – das Triebwerk weiterlief. Es tobte ein Kampf in mir, ob ich, wie eh und je geschult, der Lampe gehorchen oder auf das laufende Triebwerk achten sollte. Mit jeder weiteren Sekunde wurde ich sicherer, den Flug fortzusetzen. 


Hätte ich der Lampe und der Anzeige gehorcht, dann hätte ich das Triebwerk durch Einleiten der Autorotation selbst abgestellt und wäre mit gesundem Triebwerk zwischen die Baumriesen abgestürzt. Ein Überleben wäre kaum denkbar gewesen. 


Noch immer fiel es mir schwer, mit einer auf null stehenden Triebwerkanzeige weiterzufliegen. Doch je länger, desto sicherer wurde ich, dass mich die Anzeige der Drehzahl durch ihr Ausfallen beinahe in den Tod geschickt hätte. Wie wohltuend hörte sich das Summen des Triebwerkes an, während ich mir vorzustellen versuchte, was geschehen wäre, wenn wir in diesem endlosen Dschungel verschollen wären. Wir erreichten wohlbehalten unser Ziel. Meine Passagiere konnte ich über das Geschehene nicht informieren, denn ich musste sie nach dem Anlass zurückfliegen und ich wusste selber noch nicht, ob ich überhaupt ohne Triebwerkanzeige wieder starten könne. Für einen Mechaniker wäre dies keine Frage gewesen. Ich war mir jedoch des Risikos nicht bewusst. 


Als meine Passagiere zurückkamen, hatte ich Mut gefasst, platzierte sie wie gewohnt im Heli, startete das Triebwerk ohne Anzeige und flog mit noch immer gemischten Gefühlen zur Basis zurück. Erst da informierte ich sie über den Vorfall und gemeinsam dankten wir für diese Bewahrung.



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