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LEBENSGEFAHR IN ÄTHIOPIEN: «HÄNDE HOCH!» (4/5)


Traurig schaute ich Georg nach, als er sich mit den drei Männern über das verlassene Flugfeld entfernte, um im weit entfernten Kelafo Hilfe zu holen. Er war grösser als die Schwarzen, dennoch war ich besorgt um ihn und mir graute vor der langen und gefährlichen Wartezeit.


Am Nachmittag erhielt ich Besuch. Zwei Somalis standen vor dem Helikopter. Ich begrüsste die finster dreinblickenden Männer freundlich. Sie signalisierten, ob ich Zigaretten hätte. Als ich verneinte, wollten sie etwas zu trinken. Ich wagte nicht, ihnen meine knappe Wasserreserve zu verweigern und reichte ihnen einen Becher mit der Geste, dass sie das Wasser teilen sollten. Keine Spur davon. Der eine ergriff den Becher und leerte den Inhalt in einem Zug. Dann reichte er mir den Becher für die zweite Portion. Als der andere getrunken hatte, zupfte er an meinem Hemd und deutete damit an, er wolle dieses haben. Da ich sonst nichts auf dem Leibe trug, konnte ich diesen Wunsch nicht erfüllen. Daraufhin zogen die beiden murrend davon. Von einem Dankeschön für das Wasser keine Rede. Ob es vielleicht diese zwei gewesen waren, die gestern versucht hatten, in den Helikopter einzubrechen?

Die Hitze wurde unerträglich und der Durst immer stärker. Wie sehr hätte ich mir wenigstens ein Schattendach gewünscht. Ich traute mich nur kurz zum Wald hinüber, wo es etwas Schatten gab, um neues Holz für das Feuer in der Nacht zu sammeln. Das gehörte zum Überleben. Erst gegen Abend liess die Gluthitze nach, und ich richtete hungrig und durstig mein Lager im Helikopter ein. Nachdem ich für ein lang brennendes Feuer gesorgt hatte, fiel ich sogleich in tiefen Schlaf.


Um elf Uhr nachts rissen mich ferne Schreie aus dem Schlaf: «Yoooo-ui, Yoooo-ui!», ist der typisch äthiopische Ruf. Schnell rutschte ich in meine Stiefel. Verschlafen griff ich nach der Taschenlampe und leuchtete den Waldrand ab. Die Batterien waren noch stark genug, um zwei Gestalten zu erkennen, die am Waldrand auftauchten, und eine dritte, die sich zu ihnen gesellte. Während sie sich näherten, gestikulierte der eine, ich solle die Lampe löschen. Das tat ich jedoch nicht. Als sie näherkamen, erkannte ich eine Thermosflasche in der Hand des einen. Er hielt sie demonstrativ in die Höhe. «Könnte das meine Hilfe sein?», fragte ich mich. Das war jedoch zeitlich nicht gut möglich. Mir wurde unheimlich zumute. Ich ahnte nichts Gutes. Die drei in weisse Tücher gehüllten Männer liessen sich ungefähr zehn Meter vor dem Helikopter nieder und winkten mich heran.


Ich solle trinken, machten sie mir mit Gesten verständlich. Zögernd setzte ich mich zu ihnen auf den Boden. Der eine schenkte einen Becher Tee ein und reichte ihn mir. Ich betete um Bewahrung, denn ich wusste ja nicht, ob es vielleicht ein Gifttrunk sei. Der Tee schmeckte herrlich süss und war eine Wohltat für meine ausgetrocknete Kehle. Er schenkte mir sogleich eine zweite Portion ein, die ich ebenfalls genüsslich schlürfte. Während ich den Tee trank, erhob sich der andere und ging zum Helikopter. Er tastete die Türen ab. Schliesslich hatte er das Klappschloss gefunden und öffnete die vordere Türe. Das war mir nun doch zu viel. Ich stand auf, ging hinüber und schloss die Tür. Da erhob der Kerl seine Fäuste und schrie mich in einer unverständlichen Sprache an. Es klang, als ob Flüche über seine Lippen sprudelten. Nun wurde ich mir meiner prekären Lage bewusst. Ich dachte an den Arzt McClure, der für die Versorgung von achttausend Flüchtlingen verantwortlich gewesen und kürzlich rücklings mit einem Messer getötet worden war; an meinen Freund Graf von Rosen, den sie ebenfalls in dieser Gegend erschossen hatten; an den achtundzwanzigjährigen australischen Arzt, der ein Lager mit vierhundertfünfzig hungernden Kindern betreut hatte und ebenfalls bei einem Krankenbesuch in einem Dorf von hinten erdolcht worden war. Hätte sich der äthiopische Fahrer nicht dazwischengeworfen, würde der Mörder auch die begleitende Krankenschwester umgebracht haben. War nun ich an der Reihe?


Während mich der Kerl bedrohte und verfluchte, hatte ich den Eindruck, dass sich hinter mir etwas bewegte. Ich drehte mich um. Die beiden Kollegen hatten sich von hinten bis auf zwei Meter an mich herangemacht. In dem Moment, als ich mich umdrehte, zogen sie wie auf Kommando Gewehre unter ihren langen Röcken hervor und hielten die Läufe gegen meine Brust. Mir stockte das Blut in den Adern. Spontan hielt ich die Hände hoch. Nicht nur wegen der Gewehre, sondern auch weil ich zu Gott schrie. Sie signalisierten mit Schwenkbewegungen, ich solle vom Helikopter weggehen und mitkommen.


Da fuhr mir Gottes Mut und Zorn in die Glieder. Ich dachte an die beiden Leuchtraketen in meiner Brusttasche. Ohne zu zögern und mit eiserner Entschlossenheit griff ich nach den Raketenstiften, hielt sie mit beiden Händen über ihre Gewehrläufe und schrie sie so laut ich konnte auf Englisch an, sie sollten machen, dass sie fortkämen! Erschrocken und überrascht sprangen die beiden ein paar Schritte zurück und klickten mit ihren Schiesseisen. Ich hielt die beiden mit meinen Raketen in Schach, derweil der dritte noch neben mir stand. Der hob einen grossen Stein auf, den ich zum Beschweren gebraucht hatte, und drohte, ihn mir an den Kopf zu werfen. Sofort richtete ich die rechte Rakete auf ihn. Er betrachtete das Ding im schwachen Feuerschein. Als er feststellte, dass es keine Pistole war, holte er zum Wurf aus. In dem Moment gab es einen Knall aus meiner Rakete. Ein greller, roter Schwefelschweif zischte nur wenige Zentimeter über seinen Kopf hinweg. Er liess den Stein fallen und rannte zu seinen Kollegen. Die standen noch immer mit den Gewehren auf mich gerichtet. Zum Glück war das Licht spärlich, sonst hätten sie gesehen, wie meine Knie zitterten. Mir schien, als hätten wir eine Ewigkeit so einander gegenübergestanden. Ich schrie sie weiterhin an, sie sollten sich davonscheren! Offensichtlich etwas ratlos, konferierten sie miteinander.


Dann machte der eine ohne Gewehr zaghaft einen Schritt nach vorne. Sogleich bedrohte ich ihn mit meinem leer geschossenen Halter. Er sprang zurück. Damit merkte ich, dass er nicht wusste, dass das Ding nur einmal schiessen kann. Die beiden andern senkten darauf ihre Gewehre und schickten sich an zu gehen. Der dritte packte drei faustgrosse Steine und holte aus, um sie mir an den Kopf zu werfen. Im Dunkeln konnte ich die Steine unmöglich sehen und betete um Bewahrung. Ich hörte alle drei an mir vorbeiflitzen. Einer traf den vor dem Helikopter stehenden Zusatztank und einer schlug durch das dicke Plexiglas der Cockpitscheibe und landete im Helikopter. Dann zogen die drei unverrichteten Dinge wieder ab. Ich verfolgte sie mit dem Schein meiner Taschenlampe. Am Waldrand blieben sie stehen und palaverten miteinander. Ich holte meinen Fotoblitz und blitzte ein paar Mal in ihre Richtung. Darauf verschwanden sie im Busch.


Wie dankbar war ich für mein neu geschenktes Leben, fürchtete aber noch immer, es könnte ein zweiter Versuch folgen. Deshalb patrouillierte ich alle fünf bis zehn Minuten um den Helikopter und leuchtete mit der Lampe über den ganzen Platz. Erst im Morgengrauen gönnte ich mir etwas Ruhe. Vorher installierte ich auf dem Zusatztank eine improvisierte Gewehrattrappe, indem ich den Pumpenstiel und eine grosse, ausgebrannte Leuchtrakete in ein Schiesseisen verwandelte, und legte mich dahinter. Gegen zehn Uhr nahte sich ein unbekannter Somali zögernd und vor sich hinredend. Ich winkte drohend mit der Hand und rief, er solle das Weite suchen. Er verlangsamte seinen Gang. Daraufhin sprang ich in den Helikopter und streckte den Pumpengriff wie einen Gewehrlauf durch das geöffnete Fenster und winkte, er solle gehen. Zuerst setzte er sich in den Sand und tat, als schriebe er hinein. Ich rief laut, er solle verschwinden. Endlich begriff er meine Entschlossenheit und schlich davon. Trotz meiner Müdigkeit blieb ich hellwach und liess die Umgebung nicht aus den Augen.

(Fortsetzung folgt)




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