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Perlen aus der Pionierzeit - Der Gorillapfad (2/3)

(Fortsetzung vom 26.09.2019, gekürzter Auszug aus dem Buch «Mehr als ein Abenteuer»)

 

Endlich kam der Tag des Aufbruchs zum 7-tägigen Fussmarsch auf dem «Gorillapfad» durch den unbekannten und unerforschten Urwald Südkameruns. Vor dem Häuschen, in dem sie einige Tage auf die Reisebewilligung gewartet hatten, lag das Gepäck bereit.

 

Jedem Träger wurde ein Stück zugeteilt. Alle Stücke landeten auf den Krausköpfen der Träger. Langsam setzte sich die Karawane in Bewegung, angeführt von Ernst Tanner, über der Schulter den Fotoapparat, auf der anderen Seite das Tonbandgerät, am Gürtel einen kleinen Wasserbehälter, in der einen Hand das Buschmesser, in der anderen eine Lanze. Marcel mit der Filmkamera bildete die Nachhut. Die staunenden Dorfbewohner standen Spalier. Vom gleichmässigen Getrappel der Füsse wurden Schlangen und anderes Getier in die Flucht gejagt. Laute Vogelschreie durchbrachen die Stille. Nur selten wurde ein Wort gesprochen. Zu Beginn war es ein ordentlicher Waldweg, gesäumt von leichtem Gebüsch, überdacht von den alles überragenden Urwaldbäumen. Nach jeder Stunde wurde ein kurzer Halt eingelegt, ein Schluck vom gefilterten Wasser getrunken, die Lasten ausgetauscht, und weiter ging's, Kilometer um Kilometer.

 

Erreichten sie am Nachmittag oder gegen Abend einige Häuser, ein Dörfchen oder einen freien Platz, so blieben sie über Nacht. Das erste Dorf hiess Mbol. Die Kinder standen in den Hütteneingängen und staunten die Fremdlinge an. Zuerst musste immer der Dorfhäuptling begrüsst werden. Schaute dieser etwas misstrauisch oder streitsüchtig auf die Ankömmlinge, so zog Ernst schnell eine Polaroidkamera heraus, deutete an, dass er ein Bild machen wolle, sprach einige Zeit auf Französisch auf ihn ein oder liess den Dolmetscher erklären, weshalb sie gekommen waren. Sobald der Häuptling sein Ebenbild sah, wich sein grimmiger Blick einem zufriedenen Grinsen. Auf dieses Schauspiel hatte sich Ernst lange zuvor gefreut - er hatte die Kamera genau für diesen Zweck gekauft. Er schenkte das Bild dem Häuptling, und damit war eine kurze Freundschaft geschlossen.

 

Abend für Abend versammelten sie sich mit den Dorfbewohnern und dem jeweiligen Häuptling in dessen Hütte und erzählten den wissbegierigen grossen und kleinen Menschen, warum sie diesen weiten und beschwerlichen Weg auf sich nahmen und erzählten ihnen von der Liebe Gottes. Morgens wurden sie wie Freunde verabschiedet, und weiter ging die Reise. Der Pfad wurde unwegsamer, oft versperrten gefallene Baumriesen den Durchgang. Es kostete jedes Mal ganz besondere Anstrengungen, diese erheblichen Hindernisse trotz der schweren Lasten zu übersteigen. Es galt auch, kleinere und grössere Flüsse zu überqueren.

 

An einem Punkt hörten sie hinter sich Schreie. Es waren drei Frauen, die sich durch Winken und hartnäckiges Rufen bemerkbar machten und näherkamen. „Sie wollen den weissen Mann sprechen!". Keuchend, verschwitzt, aufgeregt und entschlossen kamen sie auf die Karawane zu. Durch den Dolmetscher erfuhr Ernst das Anliegen der Frauen. Vor langer Zeit war ein Mann zu ihnen gekommen, der ihnen von einem Gott erzählt hatte, der auf die Erde gekommen war, um den Menschen zu helfen, weil er sie liebte. Aber er sei getötet worden. Dann war es still. Die zweite fuhr fort: „Der Mann hat erzählt, dass dieser Gott wiederkomme und alle zu sich hole, die das glauben." - „Der weisse Mann weiss doch ganz sicher, ob er schon gekommen sei'', schloss die dritte, und alle drei Augenpaare waren fragend auf Ernst gerichtet, der sich neben die Frauen auf den Baumstamm gesetzt hatte. Und wieder war es still. Ernst war so bewegt, dass er nach Worten suchen musste. War das möglich? Nur einmal hatten sie von diesem Gott gehört und warteten nun ungeduldig auf seine Wiederkunft. Nichts machte ihm da grössere Freude, als diesen drei hungrigen Herzen vom Brot des Lebens auszuteilen. Nur ungern liessen die Frauen die Gruppe weiterziehen und verabschiedeten sich mit strahlenden Gesichtern.

 

(Fortsetzung folgt)

 

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Zusammenkunft mit den Dorfbewohnern
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die drei wissbegierigen Frauen

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