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Geisterglaube oder Medizin?

Nia und Tayu kletterten vergnügt auf dem niedrigen Baum herum. Bäume gibt es nicht viele im trockenen Massailand in Süd-Kenia. Mit einem schrecklichen Schrei fiel Tayu plötzlich vom Baum. Da lag er am Boden und krümmte sich vor Schmerzen.

 

Nia lief weinend zum Dorf und rief die Mutter. Beide eilten zurück zum 6-jährigen Knaben. Er schrie fürchterlich und hielt beide Hände auf seinen Kopf. Was war geschehen? fragte die Mutter den Kleinen immer wieder. Der Sturz war nur gering, zwei bis drei Meter. Aber der Junge schrie, bevor er fiel. Tayu reagierte überhaupt nicht auf die Fragen. Sein Schreien wurde zum herzzerreissenden Stöhnen. Seine Gesichtsfarbe wurde blass. Er zitterte am ganzen Leib. Wie seltsam. Nirgends sind Verletzungen zu sehen. In ihrer Ratlosigkeit blieb ihnen nur ein Weg offen, aber vor dem hatten sie Angst: der Medizinmann musste her, und zwar so schnell wie möglich. Bald war er zur Stelle und hörte sich die Geschichte an. Seine Augen wurden immer grösser. Schliesslich rief er ein paar komische Laute und dann war die Diagnose klar: ein böser Geist war in den Knaben gefahren. Das Kind musste sofort hinaus, bevor dieser böse Geist das ganze Dorf ergriff, hinaus zu den wilden Tieren. Sie allein könnten den Geist besänftigen, indem sie das Fleisch des Knaben frassen.

 

Zitternd und weinend trug die Mutter ihr einziges Söhnchen aus dem kleinen Dorf hinüber zur Stelle, wo nachts die Hyänen lachten. Nia stand da wie gelähmt und weinte still in sich hinein. Sie sah ihre Mutter hinter dem Dorngebüsch verschwinden. Ihr Gang war zögernd, langsam, als müsste sie jeden Schritt überlegen, immer wieder drückte sie ihr Kind an ihr Herz. Sein kräftiger, hübscher Körper wurde von Zeit zu Zeit von heftigen Krämpfen erfasst. Dann schrie Tayu schrecklich, um gleich darauf wieder in apathisches Röcheln zu versinken. Die Mutter legte das Kind in den Schatten eines Dorngebüsches. Verzweifelt drückte sie sein angeschwollenes Gesicht nochmals an sich und lief davon.

 

Noch ehe sie das Dorf erreichte, brach sie in lautes Wehklagen aus. Wenn nur ihr Mann da gewesen wäre! Der stämmige, stolze Massaivater war bei der Herde weit weg. Mitleidig scharten sich die Nachbarsfrauen um die Hütte, in der die Mutter und Nia ihr entsetzliches Leid mit lautem Schreien beklagten. Josephine, die Missionskrankenschwester, war an diesem Morgen schon sehr früh zu ihrem Routine-Besuch in den umliegenden Dörfern unterwegs. Von weitem hörte sie das Geschrei im Dorf, welches sonst so ruhig und gemütlich in der Talmulde lag. Unwillkürlich beschleunigte sie ihren Gang. Endlich stand sie bei der Lehmhütte im niedrigen Eingang. Beim Anblick der Schwester schrien die Frauen noch mehr. Besonders die Mutter war ganz verzweifelt.

 

Josephine versuchte die Frau zu beruhigen und den Grund der Tragödie zu erfahren. Endlich wusste sie genug und eilte aus der Hütte Richtung der Dornbüsche. Die Frauen riefen ihr entsetzt nach: Wer sich einem verfluchten Opfer nahe, werde vom selben Geist erfasst und müsse ebenfalls sterben.

 

Bald aber kam Josephine mit dem stöhnenden Knaben zurückgeeilt. Sie legte ihn in den Schatten vor der Hütte und verjagte zuerst die Ameisen, die bereits auf dem Knaben herumkrochen. Sein Kopf war stark angeschwollen. Im Haar war eine Beule erkennbar. Sorgfältig untersuchte die Schwester die Kopfhaut über der Geschwulst und entdeckte gleich einen roten Punkt, dann einen zweiten und dann noch zwei. Ein Schlangenbiss!

 

Schnell behandelte sie die Bisswunde, gab dem Jungen eine Spritze und schaffte ihn mit Hilfe der Frauen zur Krankenstation. Wenige Tage später kehrte Tayu glücklich und strahlend mit Josephine zum Dorf zurück.

 

Für die Massai war ein grosses Wunder geschehen. Für Josephine war es einmal mehr das grosse Glück, Menschen zu helfen und viel unnötiges Herzeleid zu verhindern. War das ein Fehler? Hätte sie die Menschen in ihrem traditionellen Geisterglauben sein lassen sollen? Wären sie dann glücklicher gewesen?

 

(Auszug aus Broschüre der Helimission «Mission unter Beschuss». Kann gratis bei Helimission Trogen bestellt werden.)

 

Massailand, kenia

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